
KI im Mittelstand: Drei von vier Unternehmen stehen noch am Anfang
Die wichtigste KI-Nachricht der Woche für den Mittelstand ist keine neue Modellveröffentlichung. Es ist das Ergebnis einer frischen Auswertung: Drei von vier befragten Unternehmen stehen beim Einsatz von KI noch am Anfang. Sie haben erste Anwendungen laufen, aber Strategie, Erfolgsmessung und Schulung hinken hinterher. Genau dort entsteht gerade der Abstand zwischen den Firmen, die von KI profitieren, und denen, die Werkzeuge anschaffen, ohne sie zu steuern.
In diesem Beitrag schaue ich mir die KIRI-Auswertung 2026 an, ergänze sie um aktuelle Zahlen von OpenAI zur Nutzung von KI-Agenten in Europa und leite daraus ab, was Sie in Ihrem Unternehmen konkret tun können.
Die KIRI-Auswertung 2026: Reifegrad „Initiator“
Die Unternehmensberatung Harwardt & Kollegen aus Schwerte hat am 14. Oktober 2026 die KIRI-Auswertung 2026 veröffentlicht. Grundlage sind 184 Selbsteinschätzungen mit dem KI-Readiness-Index (KIRI), den Unternehmen aus elf Branchen zwischen dem 2. März und dem 17. September 2026 abgegeben haben. 109 der Teilnehmer, also rund 59 Prozent, beschäftigen weniger als 250 Mitarbeitende, der Schwerpunkt liegt damit im Mittelstand. Zur Einordnung gehört dazu: Es handelt sich um freiwillige Selbsteinschätzungen, keine repräsentative Stichprobe. Die Richtung der Ergebnisse ist trotzdem aufschlussreich.
Der KIRI misst anhand von 29 Kriterien in sechs Dimensionen, wie gut ein Unternehmen auf KI vorbereitet ist: Datenverfügbarkeit, Technologie, Use Cases, Unternehmenskultur, Organisation und Strategie. Das Ergebnis im Durchschnitt: 2,08 von 4 Punkten, der Reifegrad „Initiator“. Es laufen also erste Anwendungen und Pilotprojekte, aber Daten, Zuständigkeiten und Strategie sind erst teilweise aufgebaut.
Die Verteilung fällt deutlicher aus:
93 Unternehmen (51 %) sind „Initiatoren“
44 Unternehmen (24 %) sind „Zuschauer“ und nutzen KI kaum
42 Unternehmen schaffen es auf den Reifegrad „Umsetzer“
Nur 5 Unternehmen erreichen den Reifegrad „Treiber“, bei dem KI fester Teil der Unternehmensstrategie ist
Drei von vier befragten Unternehmen stehen damit noch am Anfang. Und selbst bei denen, die KI bereits nutzen, wird der Erfolg selten gemessen: Von 155 Unternehmen mit zumindest teilweiser KI-Nutzung messen 69 den Erfolg kaum oder gar nicht.
Technik ist vorhanden, die strategische Ebene fehlt
Interessant ist, wo es hakt. Die Dimension Technologie schneidet mit 2,56 Punkten am besten ab, getragen von Cybersecurity-Schutz (2,99) und umgesetztem Datenschutz (2,86). Das sind Bereiche, in die Unternehmen ohnehin investieren müssen, unabhängig von KI.
Am schwächsten fällt die Strategie aus: 1,75 Punkte, der niedrigste Wert aller untersuchten Bereiche. „Technik ist in den meisten Häusern vorhanden, die Offenheit für KI ist hoch. Woran es fehlt, ist die strategische Ebene“, sagt Prof. Dr. Mark Harwardt, Gründer von Harwardt & Kollegen. „Diese Lücken lassen sich weder mit weiterer Software noch mit externen Projekten allein schließen, da sie Entscheidungen verlangen, die nur die Geschäftsführung treffen kann: welche Ziele KI verfolgen soll und wer dafür verantwortlich ist.“
Für die Praxis heißt das: Die entscheidende Frage ist längst nicht mehr „Welches Tool nehmen wir?“, sondern „Welchen Prozess wollen wir verbessern, und woran erkennen wir, dass es funktioniert?“ Genau auf dieser strategischen Ebene liegt nach der Auswertung bei drei von vier Unternehmen noch der größte Nachholbedarf.
Der Blick in die Branchen: IT-Dienstleister (2,78) sowie Finanzdienstleister und Versicherungen (2,62) liegen vorn und erreichen als einzige Branchen den Reifegrad „Umsetzer“, da ihre Kernprozesse weitgehend digital ablaufen. Die produzierende Industrie kommt auf 1,82 Punkte, bei der Datenverfügbarkeit sogar nur auf 1,50. Bau und Handwerk liegen mit 1,51 Punkten am Ende.
Der Schulungs-Blindspot wird zur Pflichtverletzung
Ein weiterer Befund betrifft die Mitarbeitenden. Ihre Offenheit für KI bewerten die Unternehmen mit 2,64 Punkten. KI-Schulungen erreichen dagegen nur 1,71 Punkte, klare Zuständigkeiten für KI 1,76 Punkte. Von 107 Unternehmen, die ihre Belegschaft als offen für KI einschätzen, bieten 32 kaum Weiterbildung an.
Das ist nicht nur ein Effizienzproblem. Seit dem 2. Februar 2025 verpflichtet Artikel 4 der europäischen KI-Verordnung Unternehmen, für ausreichende KI-Kompetenz ihrer Beschäftigten zu sorgen. Diese Pflicht ist nach den Angaben der EU-Kommission zur AI-Act-Zeitlinie seitdem unmittelbar anwendbar. Vier von zehn der befragten Unternehmen haben zudem keine oder nur punktuelle Regeln für den ethischen und rechtlichen Umgang mit KI. Wer KI im Betrieb zulässt, ohne zu schulen und Regeln zu setzen, erfüllt diese Pflicht nicht.
KI-Agenten wachsen rasant, Europa nutzt sie flächendeckend
Dass die Nutzung selbst nicht das Problem ist, zeigt eine zweite, ebenfalls aktuelle Quelle: OpenAI hat am 14. Oktober 2026 eine Auswertung zur Nutzung von KI-Agenten in Europa veröffentlicht. Danach ist die Nutzung bei den EU-Kunden von ChatGPT Enterprise inzwischen zu mehr als der Hälfte der Aktivität „agentisch“, also aufgabenorientiert statt fragenorientiert. Bei kleinen und mittleren Unternehmen mit bis zu 200 Nutzern ist die Zahl der wöchentlich aktiven Nutzer von agentischen Tools seit Mai 2026 um mehr als das Achtfache gestiegen, in jedem Mitgliedstaat.
Gleichzeitig zeigt die Auswertung, dass die intensive Nutzung noch einer Minderheit vorbehalten ist: Die aktivsten 10 Prozent der europäischen Firmen erzeugen über viermal so viel Output pro Nutzer wie typische Firmen, liegen aber noch hinter den aktivsten Firmen außerhalb der EU. Europa stellt nur 10 Prozent dieser „Frontier-Firmen“ weltweit.
Übertragen heißt das: Die Werkzeuge sind da, sie werden breiter angenommen als je zuvor, aber der tiefe, strategisch verankerte Einsatz bleibt einer Minderheit vorbehalten. Der Abstand entsteht nicht bei der Technik, sondern bei Strategie, Messung und Kompetenz. Die KIRI-Zahlen und die OpenAI-Auswertung beschreiben dieselbe Lücke aus zwei Richtungen.
Was Sie jetzt konkret tun können
Aus den Auswertungen lassen sich vier erste Schritte ableiten, die jedes Unternehmen diese Woche angehen kann:
Ein Ziel festlegen statt ein Tool kaufen. Verknüpfen Sie ein KI-Ziel direkt mit einem Geschäftsziel, zum Beispiel die Bearbeitungszeit je Kundenanfrage von 20 auf 10 Minuten senken.
Vor dem Start messbar machen. Legen Sie für jedes Vorhaben vorab einen Ausgangswert, einen Zielwert und eine verantwortliche Person fest. Nur so können Sie entscheiden, was ausgebaut und was beendet wird.
Schulung ernst nehmen. Artikel 4 der KI-Verordnung macht KI-Kompetenz zur Pflicht. Die Offenheit der Belegschaft ist die beste Voraussetzung, ersetzt aber kein Training.
Regeln für den Umgang mit KI aufsetzen. Klare Vorgaben, welche Daten in welche Tools dürfen und wer entscheidet, schützen rechtlich und schaffen Vertrauen.
Für kleinere Häuser ohne eigene IT-Abteilung gilt nach den Auswertungsergebnissen übrigens: Ein klar abgegrenzter Anwendungsfall mit externer Begleitung bringt Sie weiter als ein umfassendes KI-Programm. Das müssen Sie nicht allein stemmen.
Kurz notiert: Bund plant KI-Partnerschaft mit Nvidia
Ein Blick über den Tellerrand: Wie die Deutschlandfunk-Nachrichten am 16. Oktober 2026 unter Berufung auf das Handelsblatt berichten, plant die Bundesregierung eine KI-Partnerschaft mit dem US-Chipkonzern Nvidia, verkündet werden soll sie am Montag auf dem Investitionsgipfel „Invest in Germany“ in Berlin. Der Bund will demnach einen dreistelligen Millionenbetrag investieren, Nvidia Ingenieure entsenden und Chips liefern. Beteiligen sollen sich rund ein Dutzend deutsche Unternehmen, darunter Siemens, Audi und das KI-Unternehmen Black Forest Labs. Ziel ist das Fundament für „physische KI“, etwa für Robotik und autonomes Fahren. Für den einzelnen Mittelständler ändert das kurzfristig wenig. Es zeigt aber, wohin die Reise geht: KI-Infrastruktur wird zum Standortfaktor, und der Druck auf Unternehmen, den eigenen Einsatz strategisch in den Griff zu bekommen, wird nicht kleiner.
Fazit
Die Nachricht der Woche lautet: Drei von vier befragten Unternehmen stehen bei KI noch am Anfang. Nicht die Technik ist der Engpass, sondern Strategie, Erfolgsmessung und Schulung. Wer jetzt drei Dinge festlegt, Ziele, Kennzahlen und Verantwortlichkeiten, hat einen Vorsprung, der mit jedem weiteren Werkzeug wächst.
Wenn Sie herausfinden möchten, wo Ihr Unternehmen steht und welche dieser Lücken bei Ihnen die größte ist: Melden Sie sich für ein kostenloses Vorgespräch. Wir schauen gemeinsam an, wo KI in Ihren Abläufen den größten Hebel hat.
Quellen
Harwardt & Kollegen (14.10.2026): KIRI-Auswertung 2026, Pressemitteilung auf openPR: https://www.openpr.de/news/1326850/KI-im-Mittelstand-Drei-von-vier-Unternehmen-stehen-noch-am-Anfang.html
OpenAI (14.10.2026): The EU's next chapter in AI is agentic: https://openai.com/index/the-eus-next-chapter-in-ai-is-agentic/
Europäische Kommission: The AI Act, Rechtsrahmen und Anwendungszeitpunkte (KI-Kompetenz-Pflicht seit 2. Februar 2025): https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/regulatory-framework-ai
Deutschlandfunk (16.10.2026): Bericht: Bundesregierung vor KI-Partnerschaft mit Nvidia: https://www.deutschlandfunk.de/bericht-bundesregierung-vor-ki-partnerschaft-mit-nvidia-104.html




Kommentare